"Mein Standpunkt" von Helmut Keymer

Lieber Robert

Herzlichen Dank für deine ‚Weihnachtsbotschaft' mit den Gedanken zum Erleben von Zeit.
Im Nach-denken über deinen Text und im Nachklang meines letzten Wochenendseminars im Dezember, in dem es um ‚Selbsterkenntnis als Schlüssel zum erfüllten Leben' ging, sind mir verschiedene Gedanken und Assoziationen zum Phänomen Zeit gekommen. Einiges davon habe ich hier festgehalten und möchte sie dir zukommen lassen – vielleicht ein Anlass, den einen oder anderen Gedanken miteinander weiter zu verfolgen.

„Ich habe keine Zeit!"
Dieser Alltags-Spruch ist auf seltsame Art und Weise immer richtig und falsch zugleich.
Zeit habe ich nicht, wie man andere Dinge haben kann: Geld, Auto, Haus, Ruhm, Status etc. Ich habe ein Auto oder ich habe Geld bedeutet, dass ich über Objekte verfügen kann, deren Eigentümer ich bin. In der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist der Besitz und die Verfügungsmacht über Güter und Personen ein wesentliches Ziel menschlichen Strebens. In letzter Konsequenz führt das zu dem Bewusstsein: Ich bin, was ich habe! Damit bin ich als Subjekt nicht mehr ich selbst, sondern ich bin, was ich habe. Mein Eigentum begründet mich und meine Identität.

„In der Existenzweise des Habens ist die Beziehung zur Welt die des Besitzergreifens und Besitzens, eine Beziehung, in der ich jedermann und alles, mich selbst mit eingeschlossen, zu meinem Besitz machen will. (...) Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere." (Erich Fromm, Haben oder Sein)

„Ich habe Beziehung zu..." bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ich mein Gegenüber als ‚Ding' verstehe, zum Objekt mache und darüber verfügen kann. Damit ist es unmöglich, lebendige Beziehungen zu gestalten, die davon geprägt sind, dass es einen produktiven Austausch zwischen Subjekt und Objekt gibt. Haben-Beziehungen sind tote Beziehungen, weil sie Subjekt und Objekt zu Dingen macht.

Im Umgang mit der Zeit wird die Haben-Mentalität ebenfalls deutlich.
In der Vergangenheit habe ich mir Dinge erworben und besitze sie, ich verfüge über sie. – Ich bin, was ich war! Für die Zukunft habe ich Pläne, Ziele und Projekte und gemeint ist, dass ich dann Dinge haben werde, über die ich gerne verfügen will.
„Zeit ist Geld" verdeutlicht die Pervertierung im Umgang mit der Zeit. – Man möge doch bitte einmal versuchen, eine Stunde Lebenszeit zu kaufen.
In einer bestimmten Zeit möglichst viel zu erleben, möglichst viele Aktivitäten, Termine etc. zu haben wird zu einem Ziel meines Handelns. Dabei wird übersehen, dass die Quantität nichts über die Qualität aussagt. Viel erlebt zu haben heißt noch nicht, etwas intensiv und bewusst erlebt zu haben.

Ich „habe" keine Zeit stimmt auch für unsere Lebenszeit, denn wir verfügen nicht über unsere Zeit. Wir werden in eine Zeit hinein geboren und damit sind wir in dieser Zeit – und nicht in einer anderen. Uns wird Zeit geschenkt und wir verfügen weder über den Anfang noch über das Ende – ausgenommen beim Suizid. Jeder Tag, jede Stunde kann die letzte sein. Die Endlichkeit unserer Lebenszeit macht Angst und so ist die Vorstellung, Zeit zu haben, Zeit zu besitzen auch ein Versuch, der Angst Herr zu werden.

Meine Lebenszeit als geschenkte Zeit zu erleben impliziert die Aufgabe, mit dieser Zeit etwas anzufangen, sie zu gestalten – jeden Tag, jedes Jahr aufs Neue. Dabei treffe ich Entscheidungen, mit wem und womit ich mich beschäftige oder auch nicht. Ich lebe meine Prioritäten, manchmal bewusst, manchmal unbewusst, auf jeden Fall habe ich die Verantwortung für meinen Umgang mit meiner Lebenszeit – Tag für Tag.
Wenn mein Gegenüber feststellt, er habe dafür keine Zeit, ist das Gespräch zu Ende. Oder ich fange an, mit ihm über die Prioritäten zu sprechen, die er seinen Handlungen gibt. Dies führt sehr schnell zu einem Gespräch über die gelebten Werte – sicher lohnenswerter als das Jammern über das Phänomen keine Zeit zu haben.

„Die Existenzweise des Seins gibt es nur im hic et nunc, dem Hier und Jetzt. (...) Das Hier und Jetzt ist Ewigkeit, das heißt Zeitlosigkeit;" (Erich Fromm)

„Ich habe die Zeit vergessen," sind Augenblicke, in denen ich intensiv mit mir und einem Gegenüber beschäftigt bin. Im Spiel kommen Kinder, und manchmal auch Erwachsene ganz zu sich selbst. Das Erlebnis des Liebens, der Freude, des kreativen Herstellens eines Gegenstandes, das Erfassen einer Wahrheit etc. geschieht in der Zeit, aber die Zeit ist nicht die Dimension, die das Sein beherrscht. Zeiten, in denen ich mich intensiv, authentisch erlebe, in denen ich bin, messe ich nicht mit Sekunden, Minuten oder Stunden, sondern erzähle sie in Geschichten und erinnere sie als wichtige Erfahrung.
„Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich laufe, dann laufe ich." (Quelle unbekannt) Achtsamkeit und Bewusstheit sind Haltungen, die das qualifizierte Zeiterleben ermöglichen.

Der Name Gottes, der sich dem Moses offenbarte, ist Jahwe: „Ich bin der Ich-bin" oder in einer anderen Übersetzung: „Ich bin, der da ist." (Exodus 3,14) Verhüllend enthüllt er seinen Namen: Ich bin immer da, immer gegenwärtig. Beim Shabbat erinnern Juden an den Auszug aus Ägypten und im Erinnern sind sie ganz gegenwärtig, im hier und heute, dabei, mit ihrer Befreiungsgeschichte.

„In der Existenzweise des Habens wird die Zeit zu unserem Beherrscher. In der Existenzweise des Seins ist die Zeit entthront; sie ist nicht länger der Tyrann, der unser Leben beherrscht." (Erich Fromm)

Wie kann ich nun mit dem Zeitdruck, mit der Beschleunigung der Zeit umgehen?

Die Frage führt zu der Frage: "Was habe ich über den Umgang mit der Zeit gelernt? Welche Haltungen, Sätze und Botschaften haben meine Einstellung, wie ich mit meiner Zeit richtig umgehe, geprägt?"
Diese Frage führt zur Auseinandersetzung mit den Einflüssen der Eltern und anderer Erziehungspersonen. Diese Auseinandersetzung ist kein Selbstzweck, sondern verfolgt das Ziel, mehr Bewusstheit zu bekommen über die Prägungen und Muster der ersten, prägenden Lebensjahre.
Meine unbewussten Anteile minimiert ich, indem ich Selbsterkenntnis gewinne. Je mehr ich mich kenne (Woher komme ich? Was will ich? Wo will ich hin?), desto selbstbestimmter und freier kann ich meine Entscheidungen treffen. In dem Prozess der Identitätsfindung geht es nicht um eine widerspruchsfreie, fertige, glatte Persönlichkeit. Vielmehr geht es um einen lebenslangen Lernprozess und die immer wieder neu gestellte Herausforderung, unterschiedliche Ansprüche, Beziehungen, Rollen, Aufgaben und Interessen miteinander in Balance zu halten. In diesem Sinne halte ich persönliche Entwicklungsprozesse auch immer für politische Prozesse, denn das Private ist auch politisch.

Interessant ist an dieser Stelle, dass wichtige Ansätze der Psychoanalyse von der aktuellen Hirnforschung bestätigt werden: „Die Psychoanalyse avancierte wieder zu dem, was sie einmal zu sein glaubte: Avantgarde der Seelenwissenschaft. Möglich gemacht hat das ausgerechnet jene Disziplin, die man bis dahin auf der Gegenseite vermutet hatte: die Neurowissenschaften." (Ludger Lütkehaus)
Die Hirnforschung bestätigt,
• dass die Prägung in den ersten Lebensjahren entscheidend für die Grundstruktur unserer Persönlichkeit ist;
• dass ein Großteil unserer geistigen Aktivitäten unterhalb der Bewusstseinsschwelle passiert;
• dass wir Menschen dieselben primitiven neuronalen Systeme haben, wie andere Säugetiere;
• dass wir Menschen unsere Triebe steuern können. Dies führte Freud auf die Kontrollfunktion des Über-Ichs zurück, die Hirnforscher auf die starke Ausprägung hemmender Kontrollmechanismen im Vorderhirn.
(vergl. z.B. die Ausführungen von Eric Kandel und Mark Solms)

Pamela Levin, Begründerin des Cycle of Power, einem entwicklungspsychologischen Modell, nennt die erste Stufe der menschlichen Entwicklung: Die Kraft des Seins. In den ersten drei Monaten hat das Baby noch nichts und es kann auch noch keine Leistung bringen, es ist einfach da. Und wenn es gut geht, wird das Kind in seinem Da-sein angenommen. Daraus wächst die Kraft des Sein – es ist gut da-zu-sein.
Erk H. Erickson nennt diese Zeit: Wachstum des Urvertrauens.
Ausgestattet mit der Kraft des Seins muss ich weder mir noch anderen beweisen, dass es gut ist, wenn ich da bin. Ich bin angenommen, weil ich Ich bin, jenseits aller Leistungen und Güter. Die Kraft des Seins ermöglicht mir, selbst zu entscheiden, mit wem und womit ich mich beschäftige, um so von der Fremd- zur Selbstbestimmung zu kommen.
Nach diesem Entwicklungsmodell ist es möglich, fehlende Entwicklungsschritte in späteren Lebensjahren nachzuholen.

Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, stellt fest, dass „...die meisten Menschen Unbehagen fühlen, wenn sie sich mit einer Periode unstrukturierter Zeit konfrontiert sehen;" (Eric Bern, Was sagen Sie, nachdem Sie ‚Guten Tag' gesagt haben?" Seite 33) Er identifiziert drei Faktoren, die uns antreiben, die Zeit zu strukturieren:
• der Reiz-Hunger, d.h. das Bedürfnis nach Anregung und Erregung;
• der Hunger nach Anerkennung
• der Struktur-Hunger, d.h. Ordnungen herzustellen, damit Menschen miteinander leben und arbeiten können.

In den ersten Lebensjahren werden wir durch Antreiber-Sätze geprägt, die es uns ermöglichen, unseren 'Hunger' zu stillen. Diese Sätze führen zu Verhaltensmustern, aus denen sich ein Lebensskript entwickelt.

Die Antreiber-Sätze haben wir als Kinder gelernt und sie hatten eine konstruktive und entwicklungsfördernde Wirkung. Wenn diese Sätze absolut gesetzt werden oder der Lebenskontext sich verändert, wirken sie später oft destruktiv: z.B.

Sei schnell!
Sei perfekt!
Was du angefangen hast, musst du zu Ende bringen!
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!
Wer rastet der rostet!
Ohne Fleiß kein Preis!

Jeder von uns kennt solche Sätze und mancher Satz ist prägend für meinen Umgang mit meiner Zeit. Im therapeutischen Kontext bzw. im Coaching ist es sinnvoll solche Antreiber-Sätze zu identifizieren, zu überprüfen ob sie im aktuellen Lebens- oder Arbeitskontext konstruktiv sind und eventuell Erlaubnis-Sätze zu entwickeln und einzuüben, die heute angemessen sind.

Entschleunigung der Zeit heißt für mich: Durch einen fortlaufenden Prozess der Selbsterkenntnis ein Höchstmaß an Bewusstheit zu gewinnen, um immer wieder selbst und frei entscheiden zu können, welche Prioritäten ich lebe und leben will. Indem ich für meine Zeit Entscheidungen treffe und Verantwortung übernehme, ziehe ich auch Grenzen und schaffe Distanz. Durch die Grenzziehungen öffnen sich Handlungs- und Erfahrungsräume. In der Begegnung mit anderen erfahre ich, dass an den Grenzen Energie entsteht und Lebendigkeit erfahrbar wird.

Jede Beratung, jedes Coaching entschleunigt die eigene Zeit. Selbsterkenntnis, Kooperation gewinne ich durch Selbreflektion und dies braucht Zeit, verlangsamt die Erlebnisweise des Alltags. Die Herstellung von Langsamkeit entspricht nicht dem Zeitgeist und Menschen die dies tun, brauchen Unterstützung. Der Verein zur Verzögerung der Zeit (www.zeitverein.com) unterstützt jeden einzelnen und im Kollektiv: „Jedes Vereinsmitglied sollte am Ort seiner Tätigkeit überall dort, wo es ihm sinnvoll erscheint, Zeit verzögern und sich der Solidarität des gesamten Vereins sicher sein. Er sollte zum Innehalten, Nachdenken auffordern, wo blinder Aktivismus und partikulares Interesse Scheinlösungen produziert."

Was haben diese Ausführungen mit Kenpo zu tun?

Cogito meum: Ich erkenne mich! Ein bewusster Umgang mit meiner (Lebens)-Zeit setzt Selbsterkenntnis voraus. Wenn ich getrieben bin von Hast, Termindruck und dem Streben alles zu haben, also ganz in der Existenzweise des Habens lebe, bin ich nicht selbstbestimmt, sondern fremdbestimmt. Auf der psychologischen Ebene heißt das: Wenn ich in meinen Antreiber-Sätzen, in meinen Verhaltensmustern, in meinem Lebensskript bleibe, mich mit dem einmal Gelerntem einrichte und mich auf keine neuen Herausforderungen einlasse, wird mein Handeln von meinem Unbewusstsein gesteuert. Oft führt das dazu, die Verantwortung für mein Schicksal anderen Menschen oder den Umständen zuzuschreiben. Ich habe dann immer alles richtig gemacht, bleibe schuldlos – und damit auch unfrei.

Der Weg zur Selbsterkenntnis führt aus der Komfortzone heraus. Zeiten der Unsicherheit, des Zweifelns und der Irritation gehören dazu. Selbst wenn ich etwas Neues erkannt habe, ein altes Muster, eine bisher selbstverständliche Verpflichtung in Frage stelle, geht der Prozess der Weiterentwicklung weiter. Das Neue wird in das bisherige Können integriert. Dazu benötige ich Übung, Übung und noch einmal das Einüben des bisher Unbekannten.

Das hier auf der philosophisch-psychologischen Ebene Beschriebene ist exakt das, was ich im Kenpo auf der körperlichen Ebene erlebe. Bisherige Bewegungsmöglichkeiten erkennen, nutzen und in Frage stellen. Raus aus der Komfortzone, erkennen und einüben von neuen Bewegungsabläufen.
Durch diesen Prozess erhalte ich mehr Bewusstheit über meinen Körper, meine Gefühle und Gedanken, meine Möglichkeiten und Grenzen und meine Wirkung auf andere.
Jedes Training ist eine Entschleunigung der Zeit. Durch das Begrüßungsritual komme ich im Hier und Jetzt an. Was bisher im Laufe des Tages passiert ist, lasse ich los. Ich unterbreche den Alltag und fokussiere mich. Anmerkung: Die kürzeste Definition von Religion: „Unterbrechung". (Johann Baptist Metz)
Im Training passiert jeden Augenblick etwas. Wenn ich nicht fokussiert bin, wenn ich mit meinen Gedanken dort und da bin, kann das für mich oder meinen Partner sehr weh tun. Kenpo ist eine Einübung, im Hier und Jetzt präsent zu sein.

Meine Ungeduld beim Lernen einer neuen Technik zeigt mir das alte Muster: Mach schnell! Dann versuche ich zwei Bewegungen gleichzeitig zu machen – und scheitere. Die Technik wird in Einzelteile zerlegt und ich lerne Schritt für Schritt die Einzelteil und füge dies anschließend zusammen. Die Verlangsamung führt zum Ziel oder wie es in einem Sinnspruch für den Purple-Belt heißt: Wer langsam lernt, vergisst auch langsam.

Das Wiederholen alter Techniken zeigt die Richtigkeit dieses Satzes. Techniken die ich langsam erlernt und oft geübt habe kann ich auch nach einem Jahr wieder durchführen. Techniken die ich mir ‚schnell' vor der Prüfung angeeignet habe, habe ich bald vergessen.

Wenn ich eine neue Gürtelfarbe „haben" wollte, gehe ich ins Geschäft und kaufe einen Gürtel. Meinen Gürtel will ich nicht haben – ich lebe ihn. Schritt für Schritt, mit Rückschritten und Fortschritten, manchmal ganz leicht und oft recht mühsam, manchmal alleine und oft mit Kollegen oder Kolleginnen lerne ich meine Bewegungs- und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.

Helmut Keymer
Januar 2010