Meine Savate - Geschichte
von Robert Fuhr

Vor vielen Jahren, als es noch Dinosaurier gab, war einmal ein kleiner Junge, der
versuchte Frankreich zu verstehen. Die sich teilweise merkwürdig verhaltenden
Menschen, die so interessant waren und man nur aus Filmen kannte und die man
nicht verstand; das Essen, dass so ganz anders war und die Sprache, die auf den
ersten Blick wirklich nichts mit der Unseren gemeinsam hatte und eher dem als
Schüler verhassten Latein ähnelte.

Die positiven Bilder waren sicher Louis de Funes, Belmondo, Pierre Richard (wer es mag), Mrs. Hulot für die Intellektuellen usw. Irgendwie haben die Franzosen eben immer etwas besonderes drauf....
Konnte man von einer Hassliebe sprechen? Sicher, bevor ich zum ersten mal in
Frankreich war und mich sehr in eine junge Französin verguckte. Siehe da, ich lernte die Sprache daraufhin in wenigen Wochen, was mir in der Schule in 2 Jahren nicht gelang.

Vorher war ich aber schon in der Stadtbibliothek und hatte mir so ziemlich alles
ausgeliehen über Frankreich, was man sich ausleihen konnte. Darunter war auch ein Buch über La Boxe Francaise- Savate, indem 2 merkwürdig aussehende Franzosen in sehr engen Anzügen Dinge taten, die ich kaum glauben konnte.

bild7

"Courtesy Bridgeman Savate"

Während wir in Deutschland und der ganzen Welt amerikanisch beeinflusst waren, und gerade das Vollkontakt-Karate neu erfanden (später Kickboxen genannt) mit teilweise abstrusen Regeln, hatten diese Franzosen einen Kampfsport entwickelt, der über alle Massen mehr erlaubte.

Tritte in die Beine, Tritte in den Rücken und während man in Europa über die Regeln diskutierte, ob man nun im Halbkontakt kämpfen (oder nach jedem Punkt
stoppen) und was denn nun Halb- oder Vollkontakt sein sollte und vor allen
Dingen wie man die Schüler da heran führen könnte, hatten die Franzosen schon seit über 300 Jahren das perfekte System entwickelt.....und das auch noch ohne „USPlastikschuhe“ wie man in Frankreich verächtlich sagte, sondern mit richtigen Boxerstiefeln. UNGLAUBLICH für mich.

Während wir einen Karateanzug trugen, der für den sportlichen Wettkampf sehr
unpraktisch (ich rede nicht vom normalen Training), dessen Hosen uns regelmäßig herunterrutschten (japanischer Kordelzug), der nach drei Kämpfen schweissnass war und zwei Tage zum trocknen brauchte, hatten die Savatiers oder Tireur - wie man sie nennt -, einen Anzug an, der oben aufgehängt (wie Hosenträger) und atmungsaktiv ist, die Muskeln warm hält, und der es erlaubt, ein Sweat- oder T-Shirt darüber zu ziehen und nach 8 Stunden Trocknen wieder anziehbar ist.
Die Tatsache, dass man die Treffer genau sehen kann und auch nicht in die Hose oder eine Jacke tritt, worin sich der Fuß verfangen kann oder man keine Wirkung hat, kommt wie selbstverständlich dazu; der Anzug heißt „tenue integrale“ oder einfach nur „tenue“.

Längst ist das Savate schon von alters her Schulsport, gerade auch für Mädchen und junge Frauen, die in der Lage sein sollten, sich zu verteidigen. Diese Tradition für Mädchen und Frauen ist sehr alt wie man sehen kann:

bild8

Courtesy Bridgeman Savate

Wie die Franzosen so sind, stolz, innovativ, aber wenig eifrig Fremdsprachen zu
erlernen, trat das US-Kickboxen den Siegeszug um die Welt an; das Savate - obwohl einst olympische Disziplin (1924) - blieb außen vor.

bild4

Salutation im Tenue Integral

Ich musste einfach soviel wie möglich lernen; so nutzte ich jede Gelegenheit, um in Frankreich als Schüler oder später auf Geschäftsreisen mich auszutauschen und zu trainieren.
Ich bereue, dass ich keine Fotos davon gemacht habe, die heute der allgemeinem
Belustigung dienen könnten.

bild9

Savate beim Militär kannte schon Napoleon. "Courtesy Bridgeman Savate"

Meine damaligen Freunde gingen immer mit großem Feuereifer daran, mir alles zu
zeigen über diese so nationale Kampfkunst, aber ich dachte nie daran in den Ring zu steigen, da die Szene in Deutschland zu klein und die Reisen nach Frankreich
zuerst unerschwinglich waren. Später als „Vielreisender“ hatte ich einfach keine Zeit mehr. Ich musste ja auch mein Kenpo voranbringen und man hat eben nur eine Lebenszeit zur Verfügung.
Meine Freunde redeten vom Dans de Rue, vom La Panache, vom Chausson, vom Cane de Combat und vom la Cane, aus dem Savate entstanden sei, man nahm mich zu einem Kampf im Stade de Coubertain mit und und und .....ich verlor Savate in den folgenden Jahren nie ganz aus den Augen, aber ich betrieb es viele Jahre nicht mehr.

bild10

Frühe wissenschaftliche Systematisierung! "Courtesy Bridgeman Savate"

Einer meiner größten Kunden in Frankreich war ein Adeliger, der sich darauf berief, Savate noch in der Form des Charles Lecour gelernt zu haben und es mit 68 Jahren auch genauso vorführen konnte. Er beeindruckte einen 28jährigen Robert Fuhr damit, dass er schneller und präziser treten konnte, als ich und sicher als Jeden, den ich jemals gesehen hatte. Er sagte, dass die alte Kunst verloren sein. Ich war und bin da nicht so sicher.
(Eine beeindruckende Seite über die Geschichte des Savate findet Ihr hier. Die Fotos sagen mehr als 1000 Worte:
http://www.cebfl.free.fr/histoire_de_la_bf.htm

Von ihm lernte ich viel (obwohl er keine Schüler mehr annahm), was die Methodik
anging und ich erkannte, dass die Aufteilung der Tritte präziser war, als in jeder
anderen Kampfkunst und damit erreichte auch die Didaktik in diesem Bereich eine
neue Dimension. Vieles davon ist in unseren CM-Kenpo-Basics eingeflossen (zumindest als Trainingsmethode), denn neue Tritte kann keiner mehr erfinden.

Es blieb diese innere Unzufriedenheit über die Jahre, die Dinge nicht zu ende geführt zu haben, und das Gefühl, wie sehr Kenpo und Savate voneinander profitieren könnten.

 bild11  bild12
1877
1885 "Courtesy Bridgeman Savate"


 
Die großen der Szene wie Danny Inosanto und Bruce Lee, hatten Savate gelernt und das musste einen Grund haben.
Wenn ich Savate mit wenigen Worten beschreiben müsste, würde ich sagen, dass es die Kunst der Distanz ist und das mit sehr viel Eleganz.... und elegant sind sie eben, die Franzosen (-:
Ich habe einmal gehört, dass ein Sportwissenschaftler gesagt hat, dass man
Kickboxen mit einem Vorschlaghammer vergleichen kann; Savate aber sei „Hammer und Meißel“ (Kein Werturteil!) Wer einmal nach Savate-Regeln gekämpft hat, weiß genau was er meinte.

Eigentlich ist Frank für das verantwortlich, was dann geschah. Er sagte, dass doch
Freestyle viel besser mit Schuhen sei, weil die häufigste Verletzung, die Verletzung der Zehen beim Anfänger sei.
Ich lehnte kategorisch ab, um die Schüler vor anderen Verletzungen zu schützen, aber es „gärte“ in mir mit den Fragen:“ Wer kämpft denn mit Schuhen und wer hat ein geringes Verletzungsrisiko und warum ist das Risiko so gering usw.?“ SAVATE !!! schoss es mir sofort durch den Kopf!

bild13

Savate ist nicht nur Treten!

Eines Tages stieß ich „rein zufällig“ im Internet auf ein Video; aus einem wurden mehr und aus mehr wurden sehr viele, und kurz darauf stand ich in unserem Studio in einem denkwürdigen Training – zumindest für mich.
Einige Kenpoists waren zum freien Training erschienen und wunderten sich, dass ich am Sandsack heute kein Kenpo machte, sondern etwas anderes und ich wunderte mich über mich selbst, dass ich nach 20 Jahren die Kombinationen des Boxe francaise noch nicht verlernt hatte;
Fouettè, Chassè frontal und lateral, revers,decalage, debordement, crochet usw usw usw. auch die Ausdrücke zu den Ausführungen gingen direkt durch den Kopf.

 bild14

Chassè lateral figure = Side Kick zum Kopf

...alles war wieder da (Norbert fragte noch, was für eine Art von Kenpo denn das
sei((-:) und ich war zufrieden, aber gleichzeitig wurde auch meine Unzufriedenheit mit mir stärker als je zuvor....Monika merkte es natürlich und sah wie ich weitere Videos vom Savate „rein zufällig“ im download hatte.
Nun, unser Studio auf der Mühlenstrasse hat bereits manchen Traum erfüllt, das gilt für Schüler, aber ganz bestimmt gilt es für mich.

Die schlaue Monika sagte, dass ich doch mal das trainieren könne, wenn ich wollte und dass ich sicher Spaß haben werde und ich könnte ihr ja einmal Frankreich zeigen und und und ....tja, die schlaue Monika....Was dann kam konnte aber auch die schlaue Moni nicht ahnen. Sie lebt immerhin mit Jemandem zusammen, der - sagen wir einmal zwanghaft - veranlagt ist (-:
Ich suchte nach einem Savate-Lehrer für mich, oder wenigstens nach einem
Trainingspartner. Diese Suche stellte sich erwartungsgemäß als sehr schwierig dar, weil es eben sehr viele Amateure gibt, die sich nur hobbymässig einbringen wollten.

bild15

Tireur und vor allen Dingen Freunde! Leistung und Spaß zählen und nichts Anderes!

Dann stieß ich auf Sascha Wilhelm - auch ein Amateur aus Aachen – aber eben
einer, der sich richtig engagiert.
Wir telefonierten, waren uns sofort sympathisch und da wir das Reden anderen
überlassen und lieber Taten sprechen lassen, verabredeten wir uns zum ersten
Training.

 bild16

Sascha hat wieder einmal gewonnen! ....und sogar der Gegner freut sich!

Als ich Saschas Foto sah, dachte ich noch....Sch....ein Mittelgewicht, der ist sicher wieder so schnell, dass man ihn schwer trifft und so stark, dass er einem richtig weh tun kann und meine Einschätzung stellte sich als sehr richtig heraus, als ich ihn zum ersten mal an einem kalten Dienstag morgen im Januar um 09.30 h auf dem Bahnhof in Rheydt traf.
Was ich nicht wusste war, was für ein hervorragender Trainer dieser junge Mann von geschätzten 30 Jahren ist und welche Titel er bereits errungen hatte. In seiner Bescheidenheit hatte er mir verschweigen, dass er:
2003 Deutscher Vize Meister,
2004 Deutscher Meister (zum ersten Mal),
2004 an der WM in Bulgarien teilnahm,
2005 wieder Deutscher Meister,
2005 bei der Hochschul-Europameisterschaft in Lille den dritten Platz belegte,
(2009 auf der Europameisterschaft immerhin den 5ten Platz).,
2006 den 3ten deutschen Meistertitel holte,
2007 den 4ten Deutschen Meistertitel (wird langsam langweilig ((-:),
2008 Deutscher Vize-Meister (wohl nicht richtig trainiert (-:,),
2005 den ersten Platz der Deutschen Hochschulmeisterschaft im Boxen,
2006 den dritten Platz in o.g. belegte und 2007 ebenfalls usw. usw. usw.

bild17

Das deutsche Team in Frankreich!

Und das alles in einer der am stärksten besetzen Gewichtsklassen dieses Sports im In- und Ausland.
Aus dem einen Training mit Sascha wurden Viele um genau zu sein; Woche für Woche und der Spaß ist bei jedem Training garantiert.
Wenn wir kämpfen, habe ich sicher auch als erfahrener Kenpoist alle Hände voll zu tun (-:, denn es sind eben nicht meine (Kenpo-)Regeln.
Bestechend ist die Didaktik des Savate und man versteht den Titel des Videos:
„Before Kickboxing there was Savate!“

 
bild24
 1899 "Courtesy Bridgeman Savate"
 bild19  bild20
 1899 "Courtesy Bridgeman Savate"
 
bild21
 1896 "Courtesy Bridgeman Savate"


Meine Eindrücke haben sich verstärkt:
Ein durchdachtes System, Schnelligkeit, Eleganz und vor allen Dingen Spaß, Spaß,
Spaß... ich fühle mich wieder wie damals in Frankreich, und Sascha und ich lernen
voneinander, wobei das Hauptthema immer Savate ist und nicht Kenpo (ich will ja
etwas lernen!!!).

bild22 

Training, Training, Training....

Sascha will in 6 Wochen wieder zur deutschen Meisterschaft antreten, und ich habe ihm versprochen, so gut zu sein bis dahin, dass er echt unter Druck gerät....und ich habe nicht vor, mein Wort zu brechen (-: allerdings wird man nicht Inhaber so vieler Titel, wenn man sich kampflos geschlagen gibt, und so bleibt eine Menge Arbeit für mich (((-:
Ich werde Sascha also technisch unter Druck setzen (nahe Distanz und gute
Boxtechniken) und genau die Dinge tun, die er im Kampf gar nicht leiden kann;
zusätzlich werden wir mit Kettlebells und Plyometrics seine Kraft, Schnelligkeit und Kondition bis zum Tag 27.06. bis 28.06.09 soweit steigern, dass er in der Form seines Lebens ist.
Das wird eine wertvolle Erfahrung für uns beide werden - wie ich vermute-, und es
stellt einen kleinen Ausgleich für mich dar, denn es ist ein bisschen so, als ob ich mich selbst auf den Kampf vorbereite.
Bald erfahrt Ihr mehr an dieser Stelle über unser Training.

In diesem Sinne TCB/S von
Robert

bild23