Was ist der Unterschied zwischen Kenpo und Kempo?

 

Hallo Kenpoists!

 

Wie man an meiner Facebook-Site sehen kann, äußere ich mich nur sehr selten in diesem Medium. Teilweise aus Zeitmangel, aber auch deswegen, weil ich denke, dass nicht alles in meinem Leben mitteilenswert ist...


Jetzt allerdings schreibt mein alter Weggefährte Ratzi folgendes:

„Hallo Robert, im FB ist die Frage nach dem Unterschied zwischen Kenpo und Kempo aufgetaucht. Ich denke Du bist derjenige der das am Besten erklären kann. Danke für Deine Mithilfe Ratzi Schönen Sonntag“

 

Klar tue ich das, altes Haus, und es ist mir eine grosse Ehre, dass Du mich fragst und nicht andere Quellen.
Die Frage an sich ist allerdings sehr schwer zu beantworten oder auch sehr einfach.
Frech könnte ich sagen, dass es nur ein Kringel mehr ist an dem Buchstaben „n“. So einfach will ich es mir aber nicht machen. Also Spaß beiseite.
Es ist schwer
, eine Kampfkunst zu beschreiben ohne die Irrtümer in den Begriffen der Jahrhunderte zu beschreiben. Trotzdem will ich darauf eingehen, wenn ich mich auch kurz fassen will.

 

Sehen wir uns die Kategorie „Kung Fu“ an. Jeder glaubt zu wissen, was gemeint ist. Dennoch ist das einzige, was eindeutig ist, die chinesische Herkunft. Die Bedeutung bezieht sich auf alles Mögliche, denn es heißt nur: „Gut gemachte Arbeit“. Klavierspielen, Gartenarbeit und Buchhaltung eingeschlossen.
Viele japanische Stile sind da eindeutiger, denn
Naha - Te bedeutet Hand oder Faust aus Naha oder manchmal gibt es einen Familiennamen mit dem Ryu dahinter, was wiederum Stil bedeutet.
Kempo allerdings bedeutet da schon mehr, denn es bezieht sich auf die Kampfkunst, also das „Gesetz der Faust“, und obwohl wir eigentlich häufig nur das Shaolin Kenpo (Shaolin ist da sehr deutlich als Bezugspunkt) sehen, kann man viele Stile darunter zusammenfassen. Eigentlich ist Kempo das präzisere Wort für Kung Fu (siehe auch Dolin; Kempo)
. Wieder ist es eindeutig chinesisch.
Unser Kenpo wurde auf Hawaii entwickelt unter den Einflüssen sehr vieler Stilrichtungen, weswegen ich es auch hawaiianisches Kenpo nenne.
Sofern wir es überhaupt nachvollziehen können, was Ed Parker da „gebaut“ hat, sehen wir heute den chin. Einfluss des Kempo (allerdings waren es sicher sehr viele Stile: ich sehe z.B. Praying Mantis, White Crane, Hsing I, Tai Chi, Bahua chan), des Lua, der FMA, des Kodokan Judo, des Boxens und des Karate. Auch das Yoga scheint einen Einfluss hinterlassen zu haben, wie ich nach meinen Yoga Stunden immer weder feststellen muss (
siehe Bodhidarma und der Saholin Tempel).
Beim Einfluss des Karate, wie wir es heute verstehen, bin ich mir nicht so sicher, denn Ed Parker wählte auch hier einen Überbegriff um seinen jap. Vorvätern in der Kampfkunst gerecht zu werden.
Sicher bin ich mir allerdings, was den Einfluss des japanischen Kosho Ryu Kenpo angeht des James Mitose (Mitose war der Lehrer von Prof. Chow).
Genau dieses jap. Wort wählte der Meister auch für seinen Stil: Kenpo.

 

Was ist das Verdienst von Ed Parker?
Wir haben alle nur Arme und Beine und sicher sind alle Bewegungen schon vor Ed Parker erfunden worden.
Die Revolution, das Neue, was  Ed Parker durchsetzte in seinem Stil, war alles auf den Prüfstand zu stellen.
Funktioniert oder nicht, sind  Traditionen sinnvoll oder nicht
? Was sinnlos ist, wird radikal abgetrennt (die Axt kommt noch heute im IKKA Patch vor. In meinem CM Kenpo ist es das Schwert).
Die Wissenschaft und der Forschergeist wurden zum neuen Gradmesser seiner Kampfkunst, die man „Evolution“ nennen kann.
Ich kenne kein System wie Kenpo, in
dem die Definitionen so scharf sind, in dem alles schriftlich genau festgelegt ist mit jeder Bewegung und jeder Erklärung, was wissenschaftlich gesehen nur einen Grund hat:

 

Wenn die Definitionen stehen, ist dies ist die Basis, Neues zu schaffen. Die Grundlage ist geschaffen schnell und eindeutig voran zu kommen.

 

Dieses Denkmuster gilt insbesondere auch für die Didaktik, die Ed Parker dem westlichen Menschen anpasste.
Kenpoisten lernen nach der Methodik des Alphabets und müssen sich nicht erst eine sicherlich interessante, aber auch komplizierte asiatische Didaktik aneignen, um dann erst den Inhalt zu verstehen. Für asiatische Philosophie und Kultur sollten andere Wissenschaften zuständig sein, denn wir alle haben nur ein Menschenleben um das zu erforschen, worauf wir unseren Focus gerichtet haben.
Damit ist der Anspruch an die Kenpoists schon formuliert; vor allen Dingen an die Lehrer.

Weg vom Establishment (wer die Techniken ewig gleich vom Blatt spielt, gehört bestimmt schon dazu) und hin zur Wissenschaft.

Was früher richtig war, kann heute falsch sein (durch Umwelt, die Gesetze, neue Waffen oder andere klimatische Bedingungen usw.) und die falsch verstandene Tradition gibt vielen Kampfkünstlern eine trügerische Sicherheit.
Ed Parker sagte mir einmal, dass er selbst den Namen „Kenpo“ nicht gut findet, aber der bessere Name sei schon besetzt gewesen: „Gesunder Menschenverstand.“
Kenpo richtig verstanden, besticht durch Logik und Modernität, ohne die Traditionen
zu löschen, die uns weiterbringen. Kenpo ist also eine Art, die Dinge zu verstehen und sie zu verbessern.

 

"Ich sitze auf den Schultern eines Riesen" unbekannt

 

Gemeint ist, dass ich mehr oder weniger klug schreiben kann, weil ich das Wissen all meiner Vorfahren mit mir umhertrage und von da ausgehen kann. Dies gilt insbesondere für das Kenpo, wenn wir wahre Kenpoists sind und es nutzen. Ed Parker und seine Vorfahren gaben uns das Wissen, auf dem es aufzubauen gilt.

Dieses Wissen besteht aus Ideen, der Logik und dem Willen, diese weiter auszubauen. Sei es durch Verbindung der Ideen oder durch den Ausbau derer.


Theoretisch kann also jeder Kampfkünstler oder Kampfsportler seine Kunst durch das Kenpo-Gedankengut verbessern, falls es er es nicht sowie schon tut.

Einige Kampfstile tragen es offen vor sich her, was ich ehrlich und richtig finde. So z.B. das Kajukenbo, das sagt, dass sich in diesem System alles um die Verbesserung des Kenpo dreht oder das Lima Lama, das einige Zeit von seinem Begründer auch Kenposilama genannt wurde.

Ich mag diese Leute schon alleine wegen ihrer Ehrlichkeit, was die Begründer anging.


Übrigens scheint diese Denkweise auch dem Huna, einer der polynesischen Philosophie, geschuldet und dem König Kalakaua, der viel freies Denken für die Menschen auf Hawaii brachte. Es lohnt sich
, eine Biographie über diesen Mann zu lesen.

 

 

Bewegungen


Das Erste was den Leuten am Kenpo auffällt ist die Geschwindigkeit, die oft missverstanden wird. Sie ist ein (wichtiger) Teil des Timings, allerdings nicht der einzige Teil und genau das ist das Missverständnis.
Eigentlich ist es nicht so wichtig schnell zu sein, sondern es ist wichtig zur rechten Zeit am rechten Ort angemessen schnell zu sein. Kenpoists sind sehr oft von ihrer eigenen Geschwindigkeit so fasziniert, dass sie sich selbst überholen und auf Ziele schlagen die noch gar nicht da sind.


Wie aber kommt diese Geschwindigkeit zustande, die sicher auch sehr nützlich ist, wenn man sie richtig anwendet?


Kenpoists machen im Grunde immer das Gleiche: Sie führen einen Kreis zu Ende, durchschneiden einen Kreis, woraus eine Gerade entsteht oder führen den Kreis zurück. Das Gleiche machen sie mit einer Geraden.
Damit vernichten sie niemals Energie, sondern führen die Energie endlos in Kreise und Geraden und das auch noch auf die richtigen Stellen des Körpers des Gegners durch z.B. Contouring, einer Methode
, die Bahnen des Körpers seines Angreifers und seines eigenen Körper abzufahren um zielgenau zu sein. Das ist aber eine andere Geschichte.

Zusammenfassend würde ich Kenpo als eine Kunst, sich (gesund und natürlich) zu bewegen und zu leben, bezeichnen. Wenn man sehr viel über das System gelernt hat, ist es das, was am Ende übrig bleibt. Nicht mehr, aber auch schon gar nicht weniger.

So, damit mache ich jetzt Schluss, denn Kenpo hat noch eine sehr praktische Philosophie und x weitere Prinzipien, die alles leichter machen... sie sprengen ganz sicher den Rahmen dieser Antwort...

Dir Ratzi hoffe ich geholfen zu haben, und Euch sage ich:

ich seh´ Euch auf der Matte, denn da fühlt ihr Kenpo.

 

TCB/S
Robert