Kenpo und Philosophie
„G“ für Geometrie ?

 

Es wird viel geschrieben über Philosophie und Kampfkünste und das meiste scheint eine Mystik für den Europäer auszustrahlen, die teilweise in der Fremdartigkeit begründet ist.
Leider ist es das auch schon, denn die Exotik an sich lässt den Menschen der westlichen Hemisphäre schon in Ehrfurcht erstarren.
Es mag am Unwissen vieler Europäer liegen, dass es in Europa ebenfalls viele Kampfkünste gegeben hat bzw. noch gibt. Ganz sicher aber haben wir eine großartige philosophische Kultur und Tradition, die wir bewahren müssen. Ich möchte nicht zum Ausdruck bringen, dass die asiatischen Philosophien schlecht sind, bin ich doch ein grosser Anhänger Dieser. Vielmehr ist es die Tatsache, dass mich unsere Philosophen ebenso beeindrucken von der Antike bis zu Gegenwart.


Zuerst sollte man sich meiner Meinung mit unserer Kultur auseinandersetzen, bevor sich daran macht, die Dinge zu erforschen, die aufgrund eines anderen Kulturkreises wesentlich schwerer zu erfassen sind.
Dies ist jedoch nur meine Meinung.
Gestern habe ich mit einem Freund und Schüler gesprochen, der Lehrer ist für praktische Philosophie und sofort wurde mir klar, welche Philosophen mich am meisten beeinflusst haben: Die, deren Anwendbarkeit in der Praxis lagen und genau da setzt auch meine Faszination für Kenpo an.
Kenpo ist Philosophie in Bewegung, eine Art erlebbare Philosophie, Philosophie, die man spürt und etwas bei dem Theorie und Praxis nur eine winzige Zeitspanne auseinander liegen, wenn überhaupt.
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Heute will ich etwas über Geometrie schreiben und ich bitte Euch weiterzulesen (auch die die keine Mathematik mögen), denn es wird weniger mathematisch als vielmehr philosophisch.
Betrachten wir das Universal Pattern (UP), dass ich synonym Largo Mano nenne.
bzw.


Einigen uns darauf, das wir zunächst 2 geometrische Grundformen haben: Die Linie und der Kreis.
Sie sind diametral in der Linienführung und trotzdem sind sie nützlich für unsere Bewegungen, denn unser Körper ist genau daraus zusammensetzt und aus deren Kombinationen.
D.h. Unser Körper hat sowohl Kugel-wie auch Scharniergelenke und beide dienen dazu Geraden (oder Teile dieser Geraden) auszuführen wie auch vollendete Kreise (oder Teile dieser Kreise).
Nur die Anordnung und Ausführung beider Konzepte in einer gewissen Folge erlaubt es dem Körper Stabilität zu halten und gleichzeitig Dynamik auszuüben (Kraft).
Über einen Teil dessen (die Mechanik) hat Serge eine sehr interessante thesis verfasst, die ich zu lesen sehr anrate.
Die wesentliche Teile erschließen sich aber erst (zu sagen, dass sich das Ganze erschließt, wäre sehr viel zu hoch gegriffen),wenn man, was die körperliche Belange angeht, das UP auf den Boden legt (1. Möglichkeit aus einer Variablen eine Konstante zu machen) und zuerst seine Schritte danach ausrichtet; danach erst seine Waffen (zuerst synchron zu den Füssen und danach davon losgelöst, was nicht  synchron bedeutet) und dann das UP auch noch wie eine überdimensionale Uhr vor sich aufstellt (2. Möglichkeit aus der Variablen die Konstante zu schaffen) um das Gleiche wie oben beschrieben, zu tun; Diesmal allerdings nicht horizontal, sondern vertikal mit allen Gliedmaßen). Selbstverständlich lässt sich beides vermischen, aber die Ausführung an dieser Stelle würde zu weit gehen, weil es den Rahmen sprengen würde.
Weitere Variablen:
Nur als Denkanstoß lässt sich auch das UP auf dem Boden als Konstante in unserem Beispiel ansehen und unser Körper verändert sich. (Die Stellung des Ich zum UP ist variabel, mehrdimensional möglich).
Zum Beispiel könnte des UP auf dem Boden liegen und wir liegen mit dem Rücken darauf (in Verteidigungshaltung), oder wir knien darauf oder oder oder.
Liegen wir aber mit den Rücken darauf und stellen und als nächste Stufe des UP vor als vertikales Zeichen haben wir auf dem Rücken liegend, sind alle Schlag und Trittkombinationen zur Abwehr vor uns.
Soweit unser Körper!


Körper oder Kopf/ Mind or Matter ?

War das, was ich oben beschrieben habe, rein physikalisch und beeinflusst unseren Geist gar nicht ? (die westlich traditionelle Sicht, die platonischechristliche Trennung von Geist und Materie)
Woraus besteht denn eigentlich unser Geist? Ist denn nicht das Gehirn als Ort des Geistes Materie?
Man kann heute sogar nachweisen, dass bestimmte Bewegungsmuster neue Hirnarealverknüfungen hervorbringen und ohne diese können wir unseren Körper nicht bewegen in der Art und Weise, wie wir uns es vorstellen.
Der Geist schafft z.B. durch die Erkenntnis Kenpo zu lernen neue Materie im Hirn, ohne die wir Kenpo nicht ausüben können.
Es hört sich fast an wie ein Paradoxon (Huhn oder Ei oder eine der Kernfragen der abendländíscen Philosophie: Geist oder Materie, siehe dualistisches Denken im Abendland) und lässt einen Menschen an ein übergeordnetes höheres Wesen denken, das ich Gott nenne.
Der Grund? Sich selbst aus sich selbst zu schaffen gelingt durch eine höheren Steuerungsprozess, der das Ganze auf eine andere Stufe hebt (siehe auch Maturana: der Baum der Erkenntnis)


Geometrische Formen im Kenpo, Symbole und Zuordnungen

Wir unterscheiden uns in westlicher und asiatischer Philosophie in unserer Betrachtung d.h. in dieser o.g. Grundlogik nicht wesentlich. In der Zuordnung von Metaphern (hier auch benutzt im Sinne graphischer Darstellung), die die Dinge anschaulich machen. Allerdings sind diese Metaphern in der praktischen Philosophie des Kenpo von unschätzbarem Wert.
Das Bild im Kopf eines Menschen führt schneller zu einem umsetzbaren Resultat als eine verbale Definition der Bewegung.
Wie lange bräuchte man definitorisch um den Horse Stance zu beschreiben. Das Bild des auf dem Menschen sitzenden Pferdes macht alles leichter, weil Menschen in Bildern denken und sich so verhalten wie z.B. die Person, die auf dem Pferd sitzt als Metapher für den horse stance.
So wie die Geometrie eine Art Metapher für die Mathematik ist (Mathematiker mögen mir dieses Bild verzeihen), so sind die Metaphern im sprachlichen Bereich dazu das Pendant.


Geometrie und Weltbild

Gehen wir einen Schritt weiter und teilen die geometrischen Formen in ein Weltbild ein, als großen Überbau sozusagen.
Die Gegensätze, die zu Einem großen Ganzen werden.

Kultur Ausdruck Bedeutung
China/Asien Yin und Yang Männlich/weiblich
Hart/Weich
Progressiv/konservativ
usw
Europa Animus und
Anima
s.o.
Siehe largo Mano
Polynesien Hu und Na
(Huna)
Bewegung, Chaos, das
männliche Prinzip.

Na ist die Ruhe, die Stille,
die Struktur, das
weibliche Prinzip


Wenn also die Kreise in unserem UP das Weibliche darstellen und die Linien das Männliche, wird das UP zum Yin Yang - Symbol.

Im Yin Yang Symbol zeigt man uns aber, dass auch das Weiße einen schwarzen Anteil hat und vice versa und genau das ist in den Schnittpunkten unseres patches zu finden.

Warum haben wir denn in Europa nicht dieses Symbol für die „Trennung und Einheit“ der Dinge oder besser gefragt, welches Symbol haben wir denn?

Es ist das Largo Mano, das von Deutschland nach Frankreich, nach Spanien, auf die Philippinen und zurück zu uns gebracht wurde.

Ein Punkt allerdings im patch ist nicht der „gewöhnliche Schnittpunkt“ von Kreisen und Linien. Es ist der Punkt, von dem alles auszugehen scheint: Der Mittelpunkt!

Von dem alles ausgeht?

Das hatten wir bereits als übergeordnetes Prinzip.

Eine höhere Macht = Gott.

Übrigens drückt sich dies im CM Zeichen auch aus als Drache (Wissenschaft), der nach oben offen ist, hin zu einem höheren Wesen (Gott).

Zusammensetzung und Standpunkt

Wir wissen, dass wir rein körperlich mit der Geometrie des UP unseren Standpunkt darstellen können, aber viel entscheidender ist, dass wir ihn finden und verändern können.

Das Up dient als Metapher für Denkprozesse oder besser gesagt als Werkzeug.

Unser Kopf ist rund damit das Denken die Richtung ändern kann, könnte man scherzhaft formulieren. Im Kenpo allerdings sagen wir, dass wir aus Kreisen Linien machen und aus Linien Kreise. Dieses Prinzip ist viel zu wichtig, um es alleine auf die körperliche Ebene zu beziehen, falls es denn so etwas überhaupt gibt (s.o.).

Wir können unseren Standpunkt von hart zu weich und von weich zu hart, von konservativ zu progressiv verändern, wenn es die Situation erfordert und stellen dabei fest, dass der längere Weg (Kreis) manchmal der Schnellere ist.

Key ingredients of logic im UP

Es bedeutet aber auch die Verinnerlichung der key ingredients of logic (der eigene Standpunkt, der Standpunkt des Gegenübers und der Standpunkt eines unbeteiligten Dritten).

Die Wahrheit erschließt sich nach unseren Erkenntnissen im Kenpo nur, wenn man sich wirklich auf den Standpunkt des Anderen einlässt.

Möglicherweise reicht es aus, den Standpunkt des Gegenübers/der 3ten Person nur zu verstehen, aber das Einlassen auf eben diesen Standpunkt, nennt Serge King, der Kahuna „Grocken“. Es bedeutet, wenn auch nur für einen Moment, wirklich in diese Rolle dessen zu schlüpfen.

Was hat das Ganze mit dem UP zu tun?

Stellen wir uns einmal (körperlich) vor, wir bewegen uns auf der Linie und müssen ausweichen; genau dann steht uns der Kreis zur Verfügung oder vice versa.

Körperliches Einlassen darauf und die Bewusstwerdung, was wir tun über die reine Körperlichkeit hinaus, fördert Hirnareale, die man sowohl qualitativ wie auch quantitativ sichtbar machen kann in der modernen Hirnforschung.

Sagen wir einmal, um unsere Betrachtung auf das UP zu beziehen, dass unser Standpunkt die Linie ist und der Standpunkt des Gegenübers der Kreis ist. Was ist dann die 3te Perspektive, die des ungeteilten Dritten, der die Situation von außen betrachtet? Es ist der Punkt, der weder Kreis noch Linie ist und der, von dem alles ausgeht. Es ist der Schnittpunkt, der sich in der Mitte und der Punkt an allen anderen Stellen an denen wir nicht mehr unterscheiden können, was Kreis und/oder Linie ist.

Wenn man sich bewegt, kann man fühlen, dass der Beginn der Bewegung weder Kreis noch Linie ist, dennoch muss man sich auf Kreis oder Linie bewegen und damit bringt der Punkt von seinem Standpunkt aus schon Beides in sich. Er ist übergeordnet.

Wenn wir unsere Betrachtung sorgsam durchgeführt haben, würde das aber philosophisch bedeuten, dass wir einen göttlichen Standpunkt oder den eines höheren Wesens, wenn man den Gottesbegriff nicht akzeptieren kann, einnehmen können.

Es geht nicht darum Gott zu sein, sondern das göttliche Element ist die Schöpferkraft und die Entscheidungsfindung über den reinen Instinkt hinaus, der uns z.B. vom Tier unterscheidet.

Bevor ich das aus meiner Sicht beantworte, sollten wir uns noch einem anderen Thema widmen:

Huna und Kenpo:


Huna basiert auf den 3 Bewußtseinsformen des Ku, Lono und Kane

Sehen wir uns die Grundkonzeption des Huna an:

„Ku" ist das Unterbewusste, „Lono" der Intellekt und „Kane", das Göttliche selbst, also die Schaffenskraft des Menschen (eventuelle Übereinstimmung mit moderner Psychoanalyse sind erstaunlich, oder?) So und nicht anders sind auch unsere Techniken aufgebaut:

Ku sind die basics, die solange geübt werden, bis unser Unterbewusstsein es als sein eigenes natürliches Selbst anerkennt.

Lono sind die Techniken, die auf Wissenschaft (Intellekt) beruhen und ausgefeilt sind in sehr vielen Ebenen (Sublevels), von denen jede Einzelne etwas bedeutet.

Aumakua (auch oft in der Literatur als Kane bezeichnet) ist das, was wir aus dem Ganzen machen. Also unsere Schöpferkraft, unsere Individualität und schließlich und am Ende das, was wir sind oder theologisch betrachtet das Göttliche. Eigentlich ist die Huna - Lehre damit schon auf den Key ingredients of logic aufgebaut. Man muss annehmen, dass Ed Parker hier seine Anregungen zum Aufbau des Systems fand.

Die Antwort, ob wir einen übergeordneten Standpunkt oder göttlichen Standpunkt einnehmen können, ist klar für die asiatische, die polynesische und für die westliche christliche Kultur sowieso (Christen sehen sich als die Kinder Gottes). Uns unterscheidet vom Tier die Tatsache, dass wir über die Evolution hinaus die Welt durch schöpferische Kraft nach unserem Willen gestalten können. Dies wird die göttliche Ebene genannt.

Es ist die Schaffenskraft, die sich in uns Menschen ausdrückt in der Verbindung unserer Urtriebe, des Cognitiven und der Neuschöpfung eines Dritten, Neuen, das uns von den anderen Lebewesen dieses Planenten über den reinen Reproduktionsprozess hinaus erhebt.

Männliches und weibliches Dreieck

Aus den Linien an sich (männlich) ergeben sich geometrische Formen, die wiederum männlich oder weiblich sein können.
Wir sprechen z.B. vom weiblichen Dreieck (nach vorne geöffnet) und vom männlichen Dreieck (nach vorne spitz und geschlossen).
Wenn wir aber sagen, dass die Aggressivität, als eine HU-oder Yang-Eigenschaft, männlich ist, dann trifft das nicht unbedingt auf das weibliche Dreieck zu.
Es ist eher die Vorbereitung auf einen aggressiven Vormarsch oder ist der aggressive Vormarsch an sich, obwohl es weiblich ist.
Ähnlich Verwirrendes können wir für das männliche Dreieck sagen, denn auch hier kehren sich die Vorzeichen schnell um.

Philosophie oder nicht
Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.
So wie wir im UP die Richtung unserer Gliedmaßen und Ganzkörperbewegungen ändern können (ganz zu schweigen von den Determinanten des verschiedenen Variablen im System), kann sich unser Denken ändern.
Der Grund ist die Welt als Maximales zu erfassen, allerdings ist das leichter gesagt als getan und die reinen Forderungen bringen den wahren Kenpoisten nicht weiter.
Es sind im Wesentlichen die Arbeit und die Richtung, die uns voranbringen und genau dazu gibt uns das UP die Werkzeuge.
Diese Werkzeuge sind, sich auf den Standpunkt des Gegenübers einzulassen, sich in ihn zu versetzen als unabhängiger Dritter die über die Situation objektiv zu entscheiden auch über sich selbst in der Situation). (unklar)
Dies gilt für die Werkzeuge für das Erlernen des Kenpo, aber auch für alle anderen Dinge, die das Leben und das Forschen nach Erkenntnis angehen.
Die Arbeit kann man niemandem abnehmen aber auch hier bietet Kenpo eine, sagen wir attraktive Lösung:
Wir können die geistigen Wahrheiten durch Bewegungen sichtbar machen und das hat erstaunliche Folgen für uns, wenn wir darauf achten.
Wir verstehen schneller, wir machen uns gesund und wir bekommen eine neues Verhältnis zu uns.

Robert Fuhr