Liebe Kenpoists!

Die vergangene Woche war eine besondere Woche für unseren Club und ein Meilenstein in der Geschichte des CM Kenpo.

Um es vorweg zu nehmen:

Serge bestand die Prüfung zum 1st grade black belt und Frank zum 1st grade brown belt und ich muss wohl kaum betonen, dass sie alles mit Bravour gemeistert haben. Heute morgen werden sie die letzte Woche wohl verfluchen, aber sicher auch genauso glücklich sein.

Serge verschob seine Prüfung um mehr als ein Jahr seit er im Club ist, um auf Frank zu warten und eigentlich war das schon ein Teil seiner Prüfung: Die Prüfung seines Charakters.

Serge fing zusätzlich in dieser Zeit an, sein Boxtraining in seiner Wahlheimat zu intensiveren.

Frank unterstützte Serge wo es nur ging, obwohl er als Vater von 2 kleinen Kindern und seinem stressigen Job bis an die Grenze ging.

Stefan dieser einmalige Gutmensch ist das beste Beispiel für Unterstützung und Mut, denn er trainierte als purple belt 1 Jahr mit Serge als Dummy, falls Frank verhindert sein würde.

Für die Prüfung selbst kam noch Sascha hinzu, falls Frank nicht durchhalten würde auf Grund eines Magen- und Darminfektes.

Was für eine tolle Truppe.

Alles fing am Dienstag morgen um 0900 an: Serge, Frank und Stefan als Dummy trafen sich mit mir zur dreistündigen Vorprüfung in der ca. die Hälfte des Programms intensiv geprüft wurde.

Dieser Teil war schon so hart, dass ich in den Gesichtern der beiden Prüflinge schon erste Zweifel aufkommen sah, ob man die Prüfung überhaupt bestehen könne, und schließlich äußerte Frank diese dann auch.

Wer mich kennt weiß, dass ich sehr überzeugend sein kann und ich es sofort weggewischt habe.

Mir war von Anfang klar, dass diese Männer mehr leisten können als Andere und vor allen Dingen war mir eine Sache klar:

Wenn ich weiter der Lehrer und Freund dieser Männer sein will, darf ich ihnen nichts schenken und wozu auch?

Soll ich einen Frank mit dieser Physis etwa nicht bis an die Grenze treiben? Soll ich einen Serge mit dieser Willenskraft und seiner rasiermesserscharfen Präzision etwa nicht fordern, bis er kaum noch Kraft hat, sich zu konzentrieren?

Was wäre das für eine Verschwendung sie nicht wissen zu lassen, was für tolle Kerle sie sind und der CM Weg ist eben, es ihnen durch die Überschreitung einer Grenze klar zu machen.

...und überhaupt wie will man weiter das Maximale von den Schülern fordern und sie prüfen, wenn man selbst weder Willens ist oder in der Lage die Dinge vorzuleben? Die Antwort ist einfach:

MAN KANN ES NICHT!!!

Das Ziel der Prüfung im CM ist es nicht, Gürtel oder Urkunden zu verteilen, verleihen oder zu verschenken; oder welche Worte es auch immer geben mag.

Das Ziel der Prüfung muss immer sein, eine Grenze zu überschreiten. So und nicht anders ist unsere gelebte Philosophie.

CM Belts müssen eben mehr können als „normale" Kenpo Belts.

Ein wenig frustriert, aber doch voller Zuversicht eröffnete ich den Trainern nach der Vorprüfung, dass die Prüfung am Freitag härter werden würde, vor allen Dingen, weil es Überraschungen geben werde. Mentaler und körperlicher Art.

Ich sagte, dass wir etwas tun würden, dass es seit 1947 meines Wissen nach nicht mehr gegeben hat und mit dem ich sehr glücklich wäre.

Ein Moment der Ruhe und dann bei Beiden ein freudiges Lächeln, das mir das Vertrauen in meine Person bestätigte.

Stefan hatte einfach nur Spaß an diesem Tag, obwohl er sich bis an die Grenze mitbelastete. Ich erinnere mich noch an einen 145 Kg schweren, ausgebrannten Anwalt, der bei mir angefangen hat zu trainieren; ich weiß nicht, wo der geblieben ist.

Serge und Frank verordnete ich eine Trainingspause, die nur unterbrochen werden dürfte, durch die 21 Wege der Form. Eine CM - Spezialität des Lernens und der Regeneration durch die Katas.

Was keiner wusste war, dass unser Starkoch Norbert (er kochte in einigen berühmten Häusern) ein Gala Diner auf extrem hohem Niveau vorbereitet, für das er Tage vorher einkaufte. Allein die 3 Vorspeisen zu beschreiben würde den Rahmen an dieser Stelle vollkommen sprengen. Vielen Dank, alter Freund! Du hast Dich wieder selbst übertroffen.

Die Prüflinge wussten aber etwas anderes nicht: Ich hatte zur Prüfung eigentlich Repräsentanten einiger Kenpo-Organisationen eingeladen, die alle abgesagt haben aus Gründen, die es nicht wert sind, erwähnt zu werden.

Hans Hesselmann war der einzige der den Schneid hatte, zu zusagen, wurde aber im letzten Moment durch eine OP verhindert. Er sagte, dass ich es nicht im geringsten nötig hätte für einen ersten degree black belt andere Trainer heran zu holen, und ich entgegnete, dass es darum nicht ginge, sondern einfach nur Transparenz zu schaffen und unter alten Freunden zusammen zu sitzen.

An dieser Stelle wünscht CM Dir, lieber Hans, eine gute Besserung und auf ein baldiges Wiedersehen.

...und so kam mir eine Idee, für die ich geschichtlich etwas ausholen muss:

Ed Parker's Kenpo mag die beste der hawaiianischen Kampfkünste sein, aber sie ist weder die Einzige noch die Älteste.

Schon der Lehrer Ed Parker's, Prof. Chow, trainierte die philippinischen Kampfkünste mit Leo Gaje, Tortal Floro Villabrille, Anciong Bacon, ,Grand Master Angel L. Blancia und einer seiner Schüler war Adriano Emperado, der mit Ed Parker in einer Gruppe stand. Gehen wir auch für einen Moment davon aus, dass Ed Parker der Mentor von Remy Presas und der Mann, der im Zentrum der besten Pinoy Fighter der Welt sein Studio hatte, sich ebenfalls damit beschäftigt hat.

Emperado tat sich mit einem Kodokan Judoka zusammen (Grappler) und einem Karateka der koreanischen Stilrichtungen. Kenpo beherrschte er durch Prof. Chow und FMA durch die Stilrichtungen seines Volkes, der Philippinos.

Man muss sich einmal vorstellen, welche Bedeutung es für die Kunst hat, wenn Betriebsfremde darüber schauen. Die Kunst verbessert sich ständig und das in rasender Geschwindigkeit; sie alle gründeten Kajukenbo (etwas ähnliches fand im 1900 Jahrhundert in London statt unter einem Mann nemens Barton-Wright!). Der Rest ist Geschichte.

Also rief ich einfach die Besten an:

Alfred Plath, der Trainerlizensen in 12 verschiedenen Systemen hat und

Jörg"Marshmellow" Lothman, Inyu Ryu Shihan 6ter Dan, BJJ Cheftrainer Deutschland u. Prof. Bitta, Kobudo 3ter Dan, Kickboxen 5ter Dan, Taekwondo 1ter Dan und meine Wenigkeit als Vertreter des Kenpo.

Alfred steht unter den ersten 200 besten lebenden Guros dieser Welt, und die Titel, die Jörg erkämpft hat, müssten auf Fallblättern gedruckt werden.

Sie sagten sofort zu und fühlten sich geehrt.

Als Frank und Serge die Beiden sahen, war es ein Moment des freudigen Schocks, denn Niemand wusste, was sie sich wohl ausdenken würden für die Prüfung.

Á propos Prüfung: Grau ist alle Theorie. Was mussten die Beiden denn konkret können?

* CM erfüllt alle Voraussetzungen, die Ed Parker festgelegt hat (bis auf eine, auf die ich später eingehen werde) d.h die geforderten Techniken, die geforderten Formen, den Freestyle und natürlich die Basics. Die Basics allerdings wurden „unter Druck" abgefragt, denn in der Luft kann jeder herum hauen. Punches und Schläge wurden an Pratzen knallhart ausgeführt.

* Serge hatte eine Thesis vorzubereiten deren Auszüge wir auf der CM- Kenposite veröffentlichen werden. Ich bin sehr stolz sagen zu dürfen, dass ich sogar einige Anregungen geben dürfte, die Serge brillant maschinenbautechnisch umgesetzt hat.

* Es wurden in den beiden Tagen sage und schreibe 26 Kenpo Flow drills (keine Escrima, Arnis oder Panantukan-Drills) von jeweils 2 Minuten abgefragt

* Sonderaufgaben:
Die Prüfer wurden aufgefordert, sich eine beliebige Technik und eine beliebige Zahl auszusuchen. Serge musste dann an der x-ten Stelle der Technik stehen bleiben (gemäß der genannten Zahl), um dann den Dummy mit Grammdruck und der Hand die vorne ist, zu werfen.

* Die eigene Form!

- Theoretisches Wissen

Frank Serge

Kenntnis der CM - Manuals

Kenntnis der wichtigsten Muskelgruppen und deren Funktionen für den Kampf

Kenntnis der folgenden Prinzipien:

1. Plyometrisches Training

2. Slow motion

3. Intramuskuläre Koordination durch heavy duty

Kenntnis der Atemi-Punkte,

Kenntnisse der wichtigsten Dim Mak Punkte

Egal wie fit die Jungs sind: Nach 2 Stunden Dauerstress (es ist nicht mit einer Prüfung zu vergleichen bei der viele Probanten sind) merkte man leichte Erschöpfung und sogar die Prüfer zeigten sich gnädig. Alfred bemerkte, dass die beiden wirlich keine „Weicheier" sind und Jörg fragte scherzhaft, ob man auch Kenpo so anwenden könne, dass nicht direkt die Zerstörung im Mittelpunkt steht. Ich sagte, dass es möglich sei, aber das Konzept sei bei uns unbekannt. (-:

Trotzdem war es keine Jubel, Trubel Sonnenschein Prüfung, denn die Prüfer hatten durchaus kritische Fragen. Jörg fragte nach der Bedeutung der Techniken und warum wir das machen im Kenpo; er fragte warum denn die Formen so ausgeführt werden und nicht anders u.v.a.m.

Sowohl Alfred als auch Jörg sahen, dass Serge sehr auf die Technik in der Form achtete, besonders bei der long form 4. Es wäre auch möglich gewesen den Raumfocus zu zu betonen.

Serge verstand es sofort und zeigte bei weiteren Formen, dass der Raumfocus nur eine Form der Ausführung einer CM Kenpo Form ist und interpretierte die Form so wie gewünscht;

allerdings inspirierte mich das zu der Frage, wenn er doch so viel Wert auf die Techniken lege, solle er die long form 4 langsam machen und wir würden ihn an jeder Stelle stoppen und er müsse die entsprechende Technik ausführen und dann bis ins Detail erklären.

Es war für beide Prüfer sehr beeindruckend, dass die Prüflinge auf alles, eine dermaßen praktisch orientierte Wissenschaftlichkeit beeindruckte, vor allen Dingen Jörg.

Das machte Serge mit Bravour und zeigte keinerlei Schwäche. Jörg sagte anerkennend:" Deine Jungs sind Macher und keine Labersäcke!"

...und wo wir gerade einmal dabei waren machte er Gleiches mit der long form 3!

Das sah man auch beim freestyle, wo mit wirklich letzter Kraft gekämpft wurde.

Überraschung: Die Regeln dieses Kampfes kannten beide vorher nicht und weil es mir einfiel, nahm ich Kyoshin-Regeln. Nur mit der großen Routine und der Erfahrung der Beiden, haben sie das überstanden und sind rangegangen wie Blücher. Echte Kenpoists mit denen ich mich jederzeit auf die „Straße" trauen würde.

Übrigens kämpfen wir im Instructor Fight Club nach Savate-Regeln, nach Kyoshin-Regeln, nach engl. Boxregeln, nach BJJ Regeln, nach Arnis Regeln, nach Thai Box Regeln und einige auch nach MMA -Regeln. Obwohl wir alles im sicheren Bereich halten ist die Varianz doch enorm.

Am Ende stellten die Trainer philosophische Fragen, auf deren Antworten sie nicht wirklich warteten und die auch mich ins Grübeln brachten. Vielmehr wollten sie auch das Nachdenken anregen.

Jörg fragte, was denn alle Kampfkünste (ver-)eine.

Es ist der Respekt vor der Kunst und den Schülern.

Alfred fragte, was das höchste Ziel der Kampfkünste sei......aber auf diese Frage antworten wir später(-:

Auf jeden Fall brachten diese Fragen uns alle weiter und zeigten, dass das Universum des Lernens groß ist.

Wir sind bereit, dieser Herausforderung zu begegnen.

Dann ging es in den wunderbar - von Monika dekorierten - Zeremonienraum, indem ich einige Worte sprach.

Unsere Zeremonie unterscheidet sich ein wenig von der alten IKKA Zeremonie, obwohl es immer, wie auch bei den Prüfungen Ed Parker's Teil ist plus dem Anderen. Nie würden wir da etwas verändern oder weglassen

aus Dankbarkeit gegenüber dem Meister.

Die Zeremonie betont zusätzlich 2 Anteile:
1. Die hawaiianische Seite für die wir forschen mussten bei samoasnichen Lua Meistern und

2. die europäischen Seite, denn Ed Parker wollte die Anpassung des Systems an den Menschentypus und seine Kultur.

Monika hat sich selbst übertroffen in der Umsetzung der Vorgaben. Ein Weg aus Kerzen (der Weg des Lichtes) leuchte vom Prüfungsraum bis in den Zeremonienraum.

Ein Blumenarrangement symbolisierte sowohl unsere hawaianischen Vorfahren mit dem Fischernetz, als auch die Asiatischen mit dem Bambusgeflecht.

Europa wurde durch die Tischkultur besonders hervorgehoben. Ohne Moni wäre keine Prüfung auch nur halb so wunderbar.

Vor allen Dingen aber legte ich die Gürtel vor die Geprüften, und erinnerte daran, was es bedeutet.

Die Geprüften können sich die Gürtel nehmen, weil sie dafür gekämpft haben. Das - und nichts anderes - ist ihr Recht, und das Recht des Lehrers endet hier.

Ed Parker bezeichnete es, als den Lohn für das selbst Erreichte.

Beide haben mich sehr stolz gemacht. Sie sind die ersten CM Black und Brown Belts, und weitere werden folgen; aber ich will verdammt sein, wenn ich von der CM Tradition, die aus der deutschen Kenpo Tradition stammt, abweiche durch verteilen von Gürteln und degrees. Dies beleidigt die Kunst und den Meister.

Wenn ich die stolzen Gesichter der Kinder, Frauen und Männer bei den Prüfungen sehe, weiß ich das ich recht habe.

Endlich ging es zur Feier. Wer weiß wie wir kämpfen, weiß auch, wie wir feiern: Hart, aber herzlich.

Grandioses Essen, grandiose Gäste, unglaubliche Gespräche und Spaß von allen Seiten. Alfred und Jörg sind nicht nur tolle Prüfer und Freunde, sondern sie sind auch charmante Erzähler, tolle Unterhalter und immer gut drauf.

Irgendwann früh am Morgen, zogen wir alle erschöpft, aber glücklich nach Hause.

Nochmal meine ausdrückliches Lob an Sylvia den guten Geist an allen Fronten und Norbert, den Spitzenkoch. Die „rote Jacke des Kochens" hast Du mehr als verdient und wir sollten wirklich ein Clubrestaurant eröffnen. NA ja , wir sind ja noch jung.

Ach ja, bevor ich das vergesse. Ich habe mich an 2 Punkten über die Richtlinien des Meisters hinwegsetzen müssen: Es waren 2 Purple Belts als Dummy bei der Prüfung und die Zeremonie haben wir zum großen Vergnügen der Lehrer etwas verändert.

Was bei uns der Tritt ist, ist bei den Philipinos der Schlag mit dem Gürtel des Lehrers auf das Gesäß des Schülers, und bei den Brasilianern muss der Geprüfte zwei mal die Gasse laufen, und Gurtschlägen auf den Rücken hinnehmen.

Das war den Jungs dann auch noch egal. Serge sagte, dass man ja bei ihm die Striemen nicht sehen würde, aber Frank könne noch zu Hause in große Bedrängnis geraten. Bis jetzt habe ich nichts gehört (-:

Ich denke, wenn der Meister zugesehen hat (sein Bild ist bei allen Prüfungen dabei!!!), wird er es mir vergeben, denn die Prüfung hätte ihm ganz sicher Spaß gemacht.

In diesem Sinne TCB/S

Robert